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Seuche Internet
11.01.2007 | Artikel drucken

Keine Frage, es kommt noch schlimmer. Eigentlich schade, dass es eines unappetitlichen Videos bedurfte, um einigen Journalisten klar zu machen, dass eine „Medienguerilla“ das Internet nutzt, um am Berufsstand der Journalisten vorbei die Welt mit News zu versorgen. Von heute aus in 24 Monaten wird es keine Medienguerilla mehr sein, die hier und da zuschlägt, sondern eine Stampede..

Blogger, Leserreporter und YouTube-Propagandisten werden sich ein großes Stück vom täglichen News-Kuchen abbeißen. Der Appetit der Möchtegernjournalisten ist beträchtlich und selbstverständlich lohnt es sich, über den Autoritätsverlust journalistischer Standards nachzudenken. Man muss sich allerdings beeilen, denn die professionellen Berichterstatter haben die technische Entwicklung nicht in ihrem Rücken.

Während es so gut wie keine Handys mehr ohne Kamera gibt, kommen jetzt immer mehr Video-Handys auf den Markt, die mit einer immer besseren Auflösung die Bandbreite von UMTS bis zum Anschlag ausnutzen. Was den Fluss der News von rasenden Alltagsreportern allerdings noch hemmt sind die Kosten. Heute werden Videos von aktuellen Ereignissen in der Regel noch nach Hause getragen, nachbearbeitet und auf die bekannten Plattformen hochgeladen. Von da ab geht es allerdings schon ganz professionell weiter.

Beispielsweise arbeiten Yahoo und Reuters zusammen, um unter dem schönen Titel „You Witness News“ eine ordentliche Plattform für den Bürger-Journalismus bereitzustellen. Im Amerikanischen gibt es für Wiederholungstäter auf diesem Gebiet einen richtigen Namen. Es sind die Stringers, die Teilzeit-Newsproduzenten. Die Qualität kann gar nicht so schlecht sein, da Reuters inzwischen über eine Vermarktung als separaten News-Service nachdenkt. Reuters hat kürzlich für sieben Millionen US-Dollar die Firma Pluck gekauft, die auf Vermarktung von nutzergenerierten News spezialisiert ist.

Der Trend ist nicht mehr aufzuhalten: Aus Lesern werden Reporter und über deren technische Professionalität muss man sich auch keine großen Sorgen mehr machen. Yahoo bietet einen Videokurs unter dem Titel „How to tell a story“ an. Von journalistischer Seite wird diesen Stories einen besonderen Reiz zugeschrieben, da sie oft aus einer Betroffenenperspektive erzählt werden.

Was wird nun aus den journalistischen Standards oder dem journalistischen Ethos? Bei Reuters, Yahoo, aber auch bei CNN wird ein Mindestmaß an journalistischer Bewertung eingehalten. Beleidigende und irreführende Informationen werden herausgefiltert – das gleiche gilt für Manipulationen am Bildmaterial.

Ob damit alle Probleme beseitigt sein werden, ist jedoch zu bezweifeln. In ein bis zwei Jahren werden mit der Verbreitung von WiMAX die Kosten für die Video-Übertragung von mobilen Endgeräten so drastisch sinken, dass Freizeitreporter vom Tatort aus live berichten können. Das Angebot an Video-News wird drastisch wachsen. Ich bin überzeugt davon, dass spätestens dann sich jeder seine persönliche „Tagesschau“ zusammenstellen kann, die zu 100 Prozent nutzergeneriert ist. Es wäre auch merkwürdig gewesen, wenn Web 2.0 ausgerechnet einen Bogen um die journalistische Domäne der News gemacht hätte.

Fazit ist, dass die aktuellen Bilder des Tages aus dem klassischen Fernsehen abwandern werden. Was manchem als Bedrohung des journalistischen Berufsstandes erscheinen mag, kann auch als Herausforderung begriffen werden, sich mehr auf mediale Angebote zu konzentrieren, bei denen die Qualität eines Journalisten zum Kommentar, zur Analyse und zur Reflexion eindeutig im Vordergrund steht.

 

 

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