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Explosive Mischung: Bayer im eBusiness
27.06.2001 | Artikel drucken

Große Zahlen stehen im Raum: im Jahr 2004 will die Bayer AG fünf Milliarden Euro über ihre eBusiness-Aktivitäten erwirtschaften – in manchen Bereichen mehr als die Hälfte des gesamten Umsatzvolumens. Aber wie?

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Beim Hochstecken der Ziele zumindest scheinen die Bayer-Strategen trotz der vielfach beschworenen Krise der Internetwirtschaft keine Schwierigkeiten zu haben. Sie schickten in den letzten Tagen Vorstandsmitglied Werner Spinner nicht nur mit provozierenden Umsatzprognosen für das Bayer eBusiness ins Rennen, sondern statteten ihn auch mit einer Präsentation aus, die im Parforce-Ritt alle wesentlichen ‚e‘-Bereiche abdeckt. Neben dem Ausbau des Customer Relationship Management und des Solution Providing, dass eine engere Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern ermöglichen soll, ist dabei vor allen Dingen die Prozeßoptimierung ein wichtiges Thema – über die wohl in den nächsten Jahren der Löwenanteil der Umsätze realisiert werden soll.

Patentlösungen sind allerdings nicht in Sicht, Bayer hat verschiedene Pferde ins gleiche Rennen geschickt. Es wird kräftig in Marktplätze investiert, ohne eine Organisationsform zu bevorzugen. Die Frage, über welchen Marktplatz sich Einsparungen am besten realisieren lassen, scheint auch für Bayer noch nicht entschieden. Beteiligt ist das Unternehmen an den drei Plattformen ChemConnect, CheMatch und Elemica. Und mit Bayer One wird darüber hinaus ein unternehmenseigenes Informations-, Technologie- und Transaktionsportal, im Sinne einer Private Exchange, aufgebaut. Damit stehen alle derzeit heiß diskutierten unterschiedlichen Marktplatzmodelle zur Erprobung zur Verfügung.

Elemica steht für das konsortial geführte Modell, ein Hub von der Industrie für die Industrie. Hier geht es nicht darum, über Preise zu verhandeln oder neue Handelspartner zusammenzuführen, sondern Einkaufs- und Verkaufstransaktionen im Rahmen von bestehenden Verträgen so kostengünstig wie möglich durchzuführen. Demgegenüber setzen die Dot.coms ChemConnect und CheMatch darauf, ihren Marktplatzteilnehmern vor allen Dingen bei der Anbahnung von Verträgen behilflich zu sein und betonen ihre Unabhängigkeit von den Chemieriesen der Welt. Da allerdings ChemConnect Anfang Juni mit Envera, einem auf die Optimierung von Supply Chains in der chemischen Industrie spezialisierten Dienstleister, fusionierte, wird die Situation unübersichtlich: Wer macht jetzt wem Konkurrenz? Eine einfache Prognose wagt Stephen Kafka von Forrester Research. Er geht davon aus, dass CheMatch im Duell der Dot.coms unterliegen wird. Der Gewinner ChemConnect wird auf längere Sicht allerdings auch nicht ohne weitere Partner insbesondere für die Supply Chain Services auskommen können. Hier schlägt seiner Einschätzung nach die große Stunde für diejenigen Mitglieder des Elemica Konsortiums, die bereits in ChemConnect investiert haben – unter anderem die Bayer AG -, die einen Deal zwischen den beiden Märkten einleiten könnten... Vor diesem Hintergrund darüber zu spekulieren, wie sich in der Zwischenzeit Bayer One positioniert haben wird, kann nicht mehr als Sterndeuterei sein.

Noch ist lange nichts entschieden, man wird sich auch in der Chemiebranche auf längere Sicht mit „multiple Connections“ arrangieren müssen. Übersichtlicher stellt sich die Frage der Beschaffung dar: Wenn am 1. Juli Chemplorer mit CC-Markets fusioniert, dann verbinden sich zwei Konsortialmarktplätze - und die Bayer AG ist nur an einem beteiligt.

Aber niemand hat jemals ernsthaft behauptet, eBusiness wäre für große Unternehmen und Konzerne eine einfache Angelegenheit. Schließlich gibt es nicht nur Marktplätze, auch Customer Relationship Management und Solution Providing sind für Bayer strategisch wichtige Themen. Trotz der Unübersichtlichkeit zeigt sich Werner Spinner für die Bayer AG überzeugt: „Wir werden alle die Kanäle etablieren und weiterentwickeln, die unsere Kunden und Partner von uns erwarten – um mit uns Geschäfte zu machen und dabei auch ihr eigenes Kostensenkungspotenzial optimal auszuschöpfen. eBusiness bringt hier definitiv Vorteile für alle Beteiligten.“

Die Bayer-Variante, auf möglichst viele Pferde zu setzen, um sicher mit dem Sieger ins Ziel zu kommen, scheint nur für den wenigsten nachahmenswert. Andererseits belegt sie eindrucksvoll, dass auch beim Chemie-Riesen die Zeiten, in denen noch darüber diskutiert wurde, ob eBusiness überhaupt strategisch wichtig ist, längst der Vergangenheit angehören. Jetzt gilt es, Erfahrungen zu sammeln. Und daran können weder notorische Skeptiker noch fallende Aktienkurse an den Neuen Märkten etwas ändern.

Über Anregungen und Kritik freut sich Monika Gatzke

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