In Folge enttäuschter Investoren-Erwartungen geht das Jahr 2001 vermutlich als „Pleitenjahr“ in die Geschichte des eCommerce ein. Konkurse und Geschäftsaufgaben dominierten die öffentliche Wahrnehmung und ließen Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des eCommerce zu. Das neue Jahr könnte eine Trendwende bringen.
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Nackte Zahlen bringen es auf den Punkt: So machten die Analysten von Webmergers.com für das Jahr 2001 insgesamt 537 Unternehmenspleiten im Internet-Sektor aus. Eine Summe, die mehr als doppelt so hoch ausfällt, wie die 225 „Dotcom-Shakeouts“ im vorangegangenen Jahr. Am Schlimmsten betroffen sind von dieser Entwicklung - wie schon im Vorjahr - eCommerce und Content-Angebote, die zwei Drittel der gescheiterten Unternehmen stellen. Wenig tröstlich erscheint da die Feststellung, dass 2001 gegenüber 2000 bereits eine leichte Erholung der Konsolidierungsfolgen auszumachen ist: Zählten im Millenium-Jahr noch 54 Prozent der Pleitiers zu den eCommerce-Anbietern und 27 Prozent zu den Content-Anbietern, so reduzierten sich diese Werte im abgelaufenen Kalenderjahr auf 35 Prozent respektive 24 Prozent. Die Tatsache, dass sich innerhalb der letzten zwei Monate die Anzahl der Geschäftsaufgaben reduziert hat, sowie das erwartete positive Ergebnis des aktuellen Weihnachtsgeschäfts nährt aus Sicht Webmergers.com allerdings die Hoffnung auf ein Ende der Eiszeit.
Die Gründe für das Scheitern und die Fehltritte zahlreicher Web-Companies liegen aus Sicht der Analysten auf der Hand. So liefern sie die Top-Ten der wichtigsten Lektionen aus dem Internet-Shakeout gleich dazu:
1. Nichts ändert sich über Nacht Die häufigste Fehleinschätzung, die Investoren in Hinblick auf das Internet machten, bestand in der Annahme einer überzogenen Geschwindigkeit, mit der der Markt die Innovationen der Dotcoms adoptieren würde.
2. Neue Dinge ersetzen nicht automatisch gewohnte Dinge Die Geschichte hat bereits wiederholt bewiesen, dass Innovationen bewährte Produkte nicht einfach ablösen, sondern eher langsam in bestehende Prozesse hineinwachsen, um anschließend eigene neue Nischen zu besetzen.
3. Zu früh am Markt? Auch schlecht Viele derjenigen, die im Web Schiffbruch erlitten haben, sind mit teuer entwickelten Produkten zu einer Zeit in den Markt eingetreten, als die hierfür notwendige Infrastruktur noch gar nicht gegeben war.
4. Viele StartUps sind unkreativ und nicht Internet-adäquat Sie haben oftmals lediglich ein bestehendes Businessmodell in das Web adaptiert oder das Modell eines anderen Unternehmens kopiert.
5. Wie Schafe, sind viele unter dem Druck vom Weg abgekommen Nur wenige zeigten sich gegenüber dem spekulativen Wahnsinn resistent.
6. Kostenlos ist dumm Die Zahlen sprechen gegen die meisten Kostenlos-Modelle.
7. Streuung statt Spezifizierung Ein überraschend große Anzahl von Markteinsteigern entscheidet sich in der Hoffnung auf den großen Wurf für undifferenzierte und breit angelegte Marktaktivitäten. Und das innerhalb eines Mediums, dass wie kein zweites zur Spezifizierung geeignet ist.
8. Die 50 Millionen US$-Regel kann töten Um sich für Risikokapitalgeber interessanter zu machen, haben viele Unternehmen ihre Business-Pläne hinsichtlich der Gewinnerwartungen (50 Mio. US$ in 3 Jahren) künstlich aufgebläht und sind damit überfinanziert worden.
9. Es ist enorm schwierig, Huhn und Ei gleichzeitig hervorzubringen Vor allem unter den gescheiterten B2B-Marktplätzen gab es eine ganze Reihe, die gleichzeitig versuchten, eine genügend große Anzahl von Nachfragern wie von Anbietern auf ihr Business-Modell zu vereinen.
10. Das Prognose-Instrumentarium muss sich verbessern Um den oben genannten Fehlerpotentialen künftig besser begegnen zu können, sind bessere Prädikativ-Tools notwendig.
Auch David Kathman, Stock Analyst bei Morningstar.com, geht für 2002 von einem Aufwärtstrend im eCommerce aus. In einem Gespräch mit der eCommerce-Times sieht er zwar auch dieses Jahr noch ganz unter dem Einfluss der Konsolidierung, betont aber gleichzeitig, dass ein Großteil der „schwachen" Unternehmen bereits von der Online-Landkarte verschwunden ist. 2002 könnte nach seiner Meinung zu einem Meilenstein werden, da viele Unternehmen für dieses Jahr das Überschreiten ihres Break-Even und die Erwirtschaftung der ersten Gewinne angekündigt haben. Während viele – und manche sogar noch schneller als ursprünglich angekündigt - diese wichtige Marke erreichen werden, empfehlen sich andere möglicherweise als attraktive Übernahmekandidaten oder für strategische Partnerschaften. Auch seitens der Investoren macht Kathman gegen Ende 2001 wieder eine größere „Wärme“ gegenüber Internet-Unternehmen aus, was den Shakeout weiterer Unternehmen durchaus noch einmal reduzieren bzw. verzögern könnte. Und auch Forrester Analyst Christopher Kelley macht gegenüber dem eZine und in Bezug auf die weitere Entwicklung eine größere Konzentration des Marktes nach dem Darwinschen Prinzip aus: „Die Starken werden stärker.“
Dessen ungeachtet dürfte es jedoch auch in 2002 wieder einige positive Überraschungen und ausreichend Spielraum für innovative und bewegliche kleinere Anbieter geben, die jenseits großer Markennamen im Internet mit soliden Business-Modellen schwarze Zahlen schreiben.
Autor: Ralf Koyro
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