In Zeiten knapp kalkulierter Margen sowie versiegender Fremdkapital-Quellen steht die bedingslose Lieferung frei Haus zunehmend auf dem Prüfstand. Selbst Branchenprimus Amazon setzte in der vergangenen Woche ein Zeichen und strich seine kostenlosen Buchlieferungen. Ob sich dies jedoch tatsächlich rechnet, bleibt fraglich.
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Online-Shopper hierzulande dürften sich dabei eigentlich gar nicht beschweren, werden doch im Mutterland des eCommerce bereits seit Jahren bei fast allen Bestellungen die Lieferkosten direkt an den Kunden weitergegeben: So berechnet der Branchenprimus Amazon in den USA seinen Kunden bis zu einem Bestellwert von stolzen 99 US$ (ca. 113 Euro) Versandkosten, während der „Multistore“ hierzulande bereits heftige Kritik einstecken musste, weil nun auch Buchbestellungen erst ab einen Wert von 20 Euro kostenfrei geliefert werden. Nach eigenen Angaben trägt Amazon.de damit jedoch bloß einem veränderten Bestellverhalten Rechung, da immer mehr „Mischbestellungen“ eingehen und der durchschnittliche Bestellwert sich in der Vergangenheit kontinuierlich erhöhte. Doch steckt in diesem „internationalen Vergleich“ ein kleiner Schönheitsfehler: Während beispielsweise Online-Shoppern in Großbritannien oder den USA der Buchkauf oft durch großzügige Rabatte schmackhaft gemacht wird, verhindert hierzulande die Buchpreisbindung derartige zusätzliche Kaufanreize. Bis dato fungierte daher die Gratislieferung als eine Art „Ersatz-Rabatt“. Ob diese geänderte Versandkosten-Strategie – die erwartungsgemäß auch bei den wichtigsten Wettbewerbern in dieser oder ähnlicher Form schon bald zum Tragen kommen dürfte - letztlich aufgehen wird, bleibt indes abzuwarten.
Dass sich auch in den USA in punkto Lieferbedingungen noch kein tatsächlicher Königsweg etabliert hat, zeigt die hohe „Experimentierfreudigkeit“ großer eTailer wie Buy.com, Barnes&Noble.com oder Amazon.com. Immer wieder wird das Kundenverhalten mit Sonderaktionen kostenloser bzw. rabattierter Lieferungen getestet. Dabei bewegt man sich auf einem schmalen Grat zwischen Gewinnmaximierung und Kundenverlust. Dies bekräftigt auch eine jüngste Untersuchung von Jupiter Media Metrix, wonach 63 Prozent aller Online-Käufer durch zu hohe Liefer- und Versandkosten vom Kauf abgeschreckt werden. Demgegenüber stehen jedoch die 45 Prozent der Online-Händler, für die - obwohl sie ihren Kunden Standard-Versandkosten berechnen – das Liefergeschäft immer noch ein Zuschussgeschäft bedeutet. Die Variante, die sowohl Händler leben lässt, als auch Kunden zufrieden stellt, lässt noch auf sich warten.
Händler sollten sich in jedem Falle nicht einfach darauf verlassen, dass ein "Quasi-Mindestbestellwert" - also ein Betrag, ab dem die Ware kostenfrei geliefert wird - Kunden automatisch dazu treibt, den eigenen Bestellwert entsprechend anzupassen und den "Bon" damit im Sinne des Verkäufers entsprechend zu erhöhen. Laut Jupiter „orientieren“ sich lediglich 3 Prozent aller Online-Käufer regelmäßig an diesen Werten um Versandkosten zu sparen.
So wird uns die Versand- und Lieferkostenfrage im Sinne einer optimalen Lösung wohl auch in Zukunft noch weiter beschäftigen. Diese Einschätzung teilt übrigens auch Gene Alvarez, Senior Director bei der Meta Group, der den Versand noch immer als eine der drei wichtigsten Herausforderungen des eCommerce ansieht. Eine grundlegende Änderung dieser Einschätzung ist für die kommenden Jahre wohl tatsächlich auch nicht zu erwarten.
Autor: Matthias Robben
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