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Der Profit mit den Pillen
10.09.2003 | Artikel drucken | Artikel empfehlen

Wo immer von den großen Reformpaketen der Bundesregierung die Rede ist, spricht man auch über das Thema Gesundheit. Sicherung der Grundversorgung bei gleichzeitigem Kostenabbau lautet die knifflige Aufgabe, bei der auch dem Medikamentenhandel via Internet eine gewisse Aufgabe zukommt. Aber genau hier scheiden sich dann die Geister. Kein Wunder, denn schließlich geht es um Geld. Um sehr viel Geld!

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Deutschland steht an einem Scheideweg: So plant Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt mit der Unterstützung des Bundesrats das bestehende Versandhandelsverbot für Medikamente zu lockern und so den Handel – in einem begrenzten Rahmen – mit Arzneimitteln auch via Internet ein Stück weit zu legalisieren. Kein Wunder also, dass die Interessenverbände deutscher Apotheker Sturm laufen, denn sie fühlen sich von bestimmten Anbietern bereits seit geraumer Zeit massiv in ihrer Existenz bedroht. Zu diesen zählt zweifellos auch DocMorris, eine niederländische Versandapotheke, die bereits recht vollmundig angekündigt hat, bei einer entsprechenden Rechtslage kurzfristig ein Vertriebszentrum in Deutschland aufzubauen.

Wo liegen nun eigentlich die Probleme beim Online-Handel mit Medikamenten? Fragt man die Gegner, so wird vor allem erst einmal auf eine ganze Reihe Scharlatane verwiesen, die in betrügerischer Absicht oder grob fahrlässig Präparate aller Art vertreiben und dabei sogar die Verschreibungspflicht bestimmter Medikamente umgehen. Und tatsächlich ist auch unsere persönliche Wahrnehmung der ‚Online-Pillen’ ein gutes Stück weit von überquellenden eMail-Postfächern geprägt, in denen via Spam „medicalls miricles“ angepriesen oder „Britneys Slimming Secrets“ bereitwillig ausgeplaudert werden. Inklusive der Möglichkeit einer schnellen Order.

Doch auch dort, wo es um seriösere Anbieter geht, wollen Interessenvertreter wie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) die Versandhandelsblockade für Arzneimittel gerne aufrechterhalten sehen. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf Studien wie die der australischen Monash University, die Web-Apotheken aus zwölf Ländern untersucht und dabei ein eher kritisches Fazit gezogen hat. So werden in dieser Untersuchung vor allem die mangelhaften Informationen zu den Medikamenten im Allgemeinen sowie zu möglichen Wirkungen und Nebenwirkungen im Besonderen gerügt. Die ABDA nimmt diesen Faden in ihrer Argumentation auf und behauptet zudem, dass von vielen Online-Händlern bedenkenlos verschiedene Arzneimittel miteinander versandt worden seien, die – zusammen eingenommen – gravierende Wechselwirkungen aufweisen können. Ihr Credo kleidet Präsident Hans-Günter Friese in die Aussage: „Bei der Janusköpfigkeit des Arzneimittels bleibt es dringend geboten, dass im Moment seiner Abgabe an den Patienten auch die Beratungsmöglichkeit gegeben ist. Dies kann ein Versandhändler nicht leisten. Wir werden die Verantwortlichen letztlich überzeugen, dass nicht nur der Versandhandel an sich schon eine Gefahr darstellt, sondern eben auch bestehende und bewährte Strukturen zerstört - mit dramatischen Konsequenzen für die Arzneimittelversorgung."

Insbesondere in dem letzten Teil der Aussage spiegelt sich besonders gut wider, worum es der ABDA – neben den berechtigten ethischen Interessen – eben auch geht: Lassen sich die bestehenden Bedenken seitens der seriösen Online-Anbieter ausräumen, so formiert sich hier via Internet ein Wettbewerber, der im Kampf um einen beträchtlichen Kuchen, eine echte Bedrohung darstellen könnte. Und bezüglich der Ernsthaftigkeit seiner Absichten hat gerade DocMorris die Öffentlichkeit selten im Unklaren gelassen. So skizziert Geschäftsgründer Ralf Däinhaus in einem Interview mit der Financial Times Deutschland auch bereits sehr deutlich, wie sich das mögliche Horrorszenario für die deutsche Apothekenlandschaft darstellen könnte: „22.000 Apotheken sind viel zu viel; um die Grundversorgung zu sichern, kommt man mit der Hälfte aus.“ Den Anteil für den Versandbereich beziffert er dabei perspektivisch auf acht Prozent, von denen sich sein Unternehmen wiederum etwa dreißig Prozent einverleiben möchte. Der gesamte deutsche Arzneimittelmarkt wird in diesem Zusammenhang auf rund 30 Milliarden Euro, das potentielle Einsparvolumen auf etwa 300 Millionen Euro taxiert. Kein Wunder also, dass sich auch der klamme Bund für die Legalisierung von Online-Apotheken stark macht.

Ob und wie viel die Patienten selbst beim Online-Bezug von Medikamenten sparen können, ist ebenfalls umstritten: So wirbt der Gesundheitsdienstleister mycare für sein Diabetikerportal und verspricht Einsparmöglichkeiten beim freiverkäuflichen Apothekensortiment in Höhe von 40% und sogar 60% auf notwendige Messgeräte. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hingegen hat beim Testeinkauf von drei unterschiedlichen Präparaten in insgesamt 30 Online-Apotheken keine signifikanten Einsparmöglichkeiten festgestellt. Selten seien die Produkte günstiger, teilweise dagegen sogar teurer angeboten worden. Noch ärgerlicher allerdings aus Sicht der Verbraucherschützer: Keiner der untersuchten Online-Anbieter habe seine Kunden auf das Widerrufsrecht bei Fernabsatzverträgen informiert.

Fasst man das Gesagte zusammen, ergibt sich ein erstes Bild: Der Online-Handel mit Medikamenten wird – in einer gemäßigten Variante – seine Legalisierung durch den Bund erfahren. Das Einsparpotential erscheint einfach zu groß, als dass ethische Bedenken dieses aufwiegen könnten. Die damit zusammenhängenden Marktveränderungen werden sukzessive einsetzen, aber dabei vermutlich nicht unbedingt die Dimensionen erreichen, die von der einen Seite erhofft und von der anderen Seite befürchtet werden. Für den Patienten indes wird es wichtiger denn je werden, nicht nur einen genaueren Blick auf den Beipackzettel zu werfen, sondern sich in Fragen der Gesundheit allgemein stärker zu informieren. Die Bereitschaft dazu ist durchaus vorhanden - wie z.B. ein Blick auf die Zugriffszahlen entsprechender Internetangebote à la Netdoctor beweist – und die Angebote selbst werden auch immer besser: So bietet die Stiftung Warentest seit einem knappen Vierteljahr kostenlos allgemeine Informationen über Medikamente und ihre wichtigsten Einsatzbereiche sowie gegen Zahlung von zwei Euro weiterreichende Informationen und Beurteilungen bestimmter Präparate. Gestartet ist das Angebot mit 1.500 rezeptfreien Medikamenten und soll in absehbarer Zeit um mehr als 7.000 rezeptpflichtige Mittel erweitert werden.

Damit liegt es im Prinzip jetzt nur noch am Patienten, einfach die richtigen Informationen und besten Preise für ein Präparat zusammen zu bringen und damit richtig Geld zu sparen. Oder besser noch: Er bleibt einfach gesund und verzichtet komplett auf den Medikamentenkauf ;-)

Autor: Ralf Koyro

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