Marktforscher und Interessenverbände sind sich hinsichtlich der aktuellen Marktsituation der IT- und Kommunikationsbranche weitgehend einig. Alle Zeichen stehen auf Wachstum, zum richtigen Schub fehlt es aber nach wie vor an wichtigen Grundvoraussetzungen.
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Es ist seit jeher gute Tradition, dass branchenspezifische Interessenvertreter und Verbände das öffentliche Interesse an bedeutenden Fachmessen dazu benutzen, die Demonstration eigener wirtschaftlicher Stärke mit konkreten politischen Forderungen zu verbinden. So geschehen auch im Rahmen der CeBIT 2004. Ob nun BITKOM, VDE, Mummert Consulting oder dmmv: In der Bewertung der aktuellen Marktsituation für die Informations- und Telekommunikationswirtschaft sowie den Bereich Neue Medien herrschte in diesem Jahr weitgehend Einigkeit.
Die wichtigste Botschaft: Das „Tal der Tränen“ scheint überwunden und die langersehnte Trendwende eingeleitet. So erwartet BITKOM noch für das laufende Jahr ein Wachstum in Höhe von 2,5% und prognostiziert für 2005 gar einen Zuwachs um 3,7%. Für den Verbandpräsidenten Willi Berchtold bei aller Bescheidenheit Grund genug, dem Ganzen auch gleich gesamtwirtschaftliche Komponente abzugewinnen: “Unsere Branche übernimmt damit wieder ihre Rolle als Konjunkturmotor.“ Doch ausschließlich rosarot vermag auch der BITKOM-Chef die Entwicklung seiner Branche nicht zu zeichnen: „Es gibt Anlass zum Optimismus, aber nicht zur grenzenlosen Euphorie. Die einzigartigen Wachstumsraten der späten 90er Jahre werden wir so schnell nicht wieder erleben.“ Oder in konkreten Arbeitsmarktzahlen ausgedrückt: Nachdem die Branche in den vergangenen zwei Jahren rund 60.000 Arbeitsplätze abgebaut hat, könnten am Ende dieses Jahres hierzulande rund 1.000 neue Jobs stehen. Insgesamt zählt der Verband gegenwärtig etwa 750.000 Arbeitsplätze im ITK-Sektor.
Auch Mummert Consulting geht von einer freundlicheren Marktentwicklung der Branche aus. So haben die Marktforscher ermittelt, dass in diesem Jahr rund 30 Prozent der Firmen planen, mehr Geld in die Informationstechnologie und die Telekommunikation zu investieren. Aktuelle Wachstumshoffnungen der Unternehmen sowie ein aus der jüngsten Vergangenheit resultierender Investitionsstau werden dabei als wichtigste Argumente für die positive Marktentwicklung ins Feld geführt. Die Zielsetzungen für die IT-Investitionen gelten dabei vor allem der Wertschöpfung: So sollen laut Mummert für 78% der Unternehmen die neuen IT-Projekte vor allem dazu dienen, die Effizienz und Produktivität zu steigern. Rund zwei Drittel der Unternehmen setzen zudem auf Kostenersparnisse durch eine Verbesserung ihrer Geschäftsprozesse. Kein Wunder also, dass vor allem Themen wie Enterprise Ressource Planning (ERP) ganz oben auf der Agenda der Unternehmen anzutreffen sind.
Auch der Deutsche Multimedia Verband (dmmv) mag sich den verhalten optimistischen Prognosen nicht verschließen und betont, dass der ifo-Geschäftsklima-Index für die Digitale Wirtschaft deutlich darauf hindeute, dass es sich bei der beobachteten Konjunkturbelebung für die Branche keineswegs um ein Strohfeuer handle. Vor verfrühtem Optimismus wird seitens des Verbandes dennoch gewarnt. So ist nach Auffassung von dmmv-Präsident Arndt Groth (Interactive Media CCSP GmbH) die aktuelle Trendwende kein Selbstläufer: „Für ein stabiles Wachstum in der Digitalen Wirtschaft sind dringend Investitionen erforderlich. Politik und Wirtschaft müssen hier an einem Strang ziehen. Die Integration von ITK-Lösungen in Geschäfts- und Verwaltungsabläufe, die Qualifikation von Mitarbeitern sowie die Verbesserung der Bildungssituation sind dabei die wichtigsten Punkte, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen zu verbessern.“
Der dmmv nimmt dabei den Ball auf, den mehr oder weniger alle Interessenvertreter im Rahmen ihrer CeBIT-Verlautbarungen in Richtung Politik bewegten und den der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) am nachhaltigsten anstieß. Denn der VDE sieht Wachstum und Innovationen in der Branche durch Expertenmangel akut gefährdet. Er verweist auf einen stagnierenden Ausbildungsstand und auf die Tatsache, dass sich der Expertenmangel bei anziehender Konjunktur eher noch verschärfen werde. Da scheint es nur folgerichtig, dass die Verlagerung von Tätigkeiten ins Ausland auch künftig ein Thema bleibt, wenngleich der Arbeitsmarkt hierzulande davon laut BITKOM nicht negativ berührt werde. Walter Raizner, IBM Deutschland, lässt sich in diesem Zusammenhang in der Financial Times Deutschland wie folgt zitieren: „Die IT-Branche hat im letzten Jahr 70.000 Arbeitsplätze eingebüßt. Offshoring ist ein Thema für jede Industrie und jede Branche.“ Insbesondere Länder wie Indien, China, Rumänien oder Russland böten hierfür optimale Rahmenbedingungen sowie Software-Entwickler, die nur etwa ein Drittel des Gehalts eines deutschen Beschäftigten verdienten.
Es lässt sich also festhalten: Für die Marktteilnehmer scheint die Zeit des allergrößten Darbens zunächst einmal beendet, wenngleich das Marktwachstum kaum zu einem neuen Boom führen dürfte. An der bestehenden Arbeitsmarktsituation wird indes auch der zarte Aufschwung wenig ändern.
Autor: Ralf Koyro
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