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Internet und Medizin: Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen
05.05.2004 | Artikel drucken | Artikel empfehlen

Effektivitätssteigerung und Kostensenkung, das sind auch im Gesundheitsbereich oft die wichtigsten Ziele, die durch den Einsatz des Internets erreicht werden sollen. Aber Licht und Schatten liegen hier offensichtlich besonders nah zusammen, denn die Nebenwirkungen können lebensgefährlich sein.

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Ganz aktuell hat die Europäische Kommission einen Aktionsplan für Informations- und Kommunikationstechnologien für eine bessere Gesundheitsversorgung in Europa veröffentlicht. Dabei geht es um eine effektivere Gesundheitsversorgung mit gleichen oder niedrigeren Kosten als bisher: Computergestützte Verschreibungen, elektronische Patientenakten, Patientenerkennungen, Gesundheitskarten und der Ausbau von Internetzugängen für die Gesundheitssysteme sollen zur Lösung der zahlreichen Probleme beitragen, denen die Gesundheitsdienste in der EU gegenüberstehen. „Wir müssen uns mutig den Herausforderungen stellen“, betont der EU-Kommissar für Unternehmen und Informationsgesellschaft, Erkki Liikanen in diesem Zusammenhang. Entsprechend eindrücklich ist auch das Motto gewählt: Improving the Quality of Life for All Europeans.

Es geht dabei nicht nur um die Basics, denn heute sind bereits mindestens vier von fünf europäischen Ärzten ans Internet angeschlossen, und jeder vierte Europäer nutzt das Internet zur Information über Krankheiten und die Gesundheit. Instrumente oder Lösungen der Online-Gesundheitsfürsorge umfassen vielmehr auch Produkte, Systeme und Dienste, die über einfache internetgestützte Anwendungen hinausgehen, so der Ausgangspunkt der Kommission. Patienten müssen mit ihren Hausärzten in Verbindung treten, Ärzte müssen mit Krankenhäusern sprechen, und die Krankenhäuser müssen sich mit Kliniken und Forschungszentren kurzschließen, um den Patienten eine bessere Gesundheitsversorgung zu bieten und die Gesundheitsversorgungssysteme effizienter zu machen.

Kaum werden so die komplexen Probleme des Informationsaustausches der Apparatemedizin ansatzweise gelöst, scheinen dabei allerdings ausgerechnet das ganz traditionelle „in Verbindung treten“ und „sprechen“ vor neuen Hindernissen zu stehen, die durch das Internet hervorgerufen und verstärkt werden. So kommt eine Online-Befragung des Gesundheitspanel.de an der Universität Witten/Herdecke zu dem Ergebnis, dass viele Patienten dazu neigen, dubiosen Netzinformationen mehr zu vertrauen als ihrem Arzt. Wie die Ärzte Zeitung berichtete, habe das Internet erhebliche Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis. Und ob sie positiv oder negativ ausfallen würden, hänge auch davon ab, wie offensiv der Arzt mit Informationen aus dem Netz umgehe. Dabei führe allerdings die nicht zu überschauende Menge und teilweise schlechte Qualität der Online-Informationen zu Widersprüchen zwischen den Angaben des Arztes und denen aus dem Netz. Immerhin gut 35 Prozent der Befragten haben schon einmal diese Erfahrung gemacht. Interessant ist dabei, wem im Endeffekt mehr Vertrauen geschenkt wird: 41,7 Prozent der Befragten setzen auf die Internet-Information, 28,3 Prozent vertrauen eher dem Arzt.

Und auch andere Untersuchungen bestätigen, dass in der Verbindung zwischen Arzt und Patient wohl einiges im Argen liegt. Häufig wird das Internet daher dazu genutzt, um zum Experten in eigener Sache zu werden. Es zeigt sich, so die Forschungsgruppe Wahlen Online, „dass der Trend zur Selbstmedikation auch Ausdruck eines spezifischen Lebensgefühls ist“. In der hier zugrunde liegenden Befragung wurde mit 82 Prozent als Grund für die Selbstmedikation mit rezeptfreien Arzneimitteln der Wunsch angegeben, sich selbst ohne ärztlichen Rat behandeln zu wollen. Dass die rezeptfreien Medikamente inzwischen von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr bezahlt werden, ist lediglich für 50 Prozent ein Motiv. Eine gänzlich andere Interpretation des Stichworts „Effektivitätsteigerung“ liefern die Befragen auch gleich ab: 39 Prozent geben an, dass sie keine Zeit haben zum Arzt zu gehen und 23 Prozent sind der Meinung, dass sie sich sowieso am besten kennen und deshalb auch wissen, welche Behandlung für sie die richtige ist. Für fast ein Viertel der Befragten sind die als lästig empfundenen Arztgespräche auch ein Grund die Medikamentenwahl selbst vorzunehmen.

Hier scheint sich noch ein weites Feld auf zu tun, in dem alte Probleme mit neuen Techniken angegangen werden. Interessante Ansätze gibt es dabei durchaus nicht nur von Seiten der Patienten. Mit „Chatten für die Seele“ will jetzt zum Beispiel die Techniker Krankenkasse eine Möglichkeit bieten, psychologischen Rat über das Internet einzuholen. Betroffene und Angehörige sollen, durch ein Pseudonym geschützt, Fragen an Experten stellen können.

Auch die Ärzte müssen also ihre Patienten demnächst auch auf ihren virtuellen Wegen besser begleiten. Projektleiter Dr. David Schwappach aus Witten/Herdecke empfiehlt, das Informationsbedürfnis zu lenken. Optimal ist es nach seiner Auffassung, wenn Ärzte ihren Patienten drei Internetseiten empfehlen: „Der Arzt behält die Kompetenz, denn er empfiehlt etwas, und der Patient kann seinem Bedürfnis nach mehr Information folgen.“

Über Anregungen und Kritik freut sich Monika Gatzke

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