Den Blick über den großen Teich braucht man nicht mehr unbedingt. In Europa und in Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten in Sachen Internet so viel entwickelt, dass die Emanzipation vom ehemaligen Vorbild USA als vollzogen gelten kann. Die grundlegenden Zahlen und die spannenden Trends aus den vergangenen zwölf Monaten stehen im Mittelpunkt unseres vorausschauenden Rückblicks.
Der Jahresrückblick gehört bei ECIN nun schon zur Tradition. Auch 2003 bieten wir Ihnen zwischen Weihnachten und Neujahr wieder eine Zusammenfassung wesentlicher Entwicklungen der Online-Welt. Dass wir dabei wirklich alle Aspekte berücksichtigen, können wir nicht behaupten - aber dennoch ist unsere Auswahl hoffentlich interessant. Angefangen bei den erfreulichen Umsatz- und Nutzerzahlen, über die wesentlichen Trends Online-Musik und wLAN und die neuen Möglichkeiten des ePayment bis hin zu Online Werbung und Marketing halten wir Sie auf dem Laufenden.
Nicht nur Sex sells Es ist noch nicht lange her, da überschlugen sich die Prognosen zu Umsatz- und Nutzerzahlen. Kaum etwas schien spannender als Wachstumsraten, der Anteil der Bevölkerung, der online ist oder die Zahl der Unternehmen mit eigener Website. Diese Aufregung hat weitgehend nachgelassen und neue Zahlen werden in der Regel eher mit gemäßigtem Interesse entgegengenommen. Obwohl, natürlich, nicht ganz: Alle Nachrichten zu einem wirklich archaischen Menschheitsthema finden nach wie besondere Berücksichtigung. Porno und Sex sind die Zauberworte, die für nachhaltige Aufmerksamkeit sorgen. Nicht umsonst existieren gegenwärtig mehr einschlägige Webseiten als Internetnutzer in Europa, die Überflutung des Internets mit pornografischen Inhalten scheint unaufhaltsam. Allein im Monat Juli 2003 zählte das auf Filter-Software spezialisierte US-Unternehmen N2H2 mehr als 28 Millionen neue Seiten mit pornografischen Inhalten im Web. Insgesamt stieg die Zahl seit 1998 – als „nur“ 14 Millionen Seiten gezählt wurden - um mehr als 1800 Prozent auf 260 Millionen Seiten an. Bleiben moralische Bedenken ausgeklammert, gilt ohne Zweifel eine Feststellung: Die Geschäfte für Porno-Anbieter laufen gut.
Aber bei aller, zum Teil berechtigten Kritik gehört das Internet dennoch mittlerweile zum Alltag sowohl im geschäftlichen als auch im privaten Leben. Und so sind im Jahr 2003 die europäischen Internet-Nutzer ähnlich spendabel im Netz wie ihre amerikanischen Pendants und kaufen durchschnittlich für mehr als 400 Euro Waren ein. Gegenwärtig soll es in Westeuropa mehr als 70 Millionen Online-Käufer geben, das entspricht einer Penetrationsrate von immerhin 44 Prozent. Im Durchschnitt gibt nach Berechnungen der Marktforscher von Jupiter Research jeder dieser Käufer online 425 Euro aus. Die geschätzten Gesamtumsätze belaufen sich dementsprechend auf 29,8 Mrd. Euro. Bis 2008 nimmt die Zahl der Käufer weiterhin zu, wenn auch mit naturgemäß leicht nachlassenden Wachstumsraten. Die Umsätze allerdings steigen nicht nur in Folge der immer größeren Käuferschar, sondern auch weil immer häufiger im Internet eingekauft wird. Und so blickt man für die nächsten Jahre optimistisch in die Zukunft: Im Jahr 2008 sollen 126 Millionen Online-Käufer in Westeuropa für Umsätze von 97,8 Milliarden Euro sorgen. Die durchschnittliche Summe, die im Internet pro Nutzer ausgegeben wird, soll sich in diesem Rahmen auf stolze 776 Euro erhöhen.
Europas größte Online-Umsätze werden 2008 in Deutschland erzielt, die Analysten von Jupiter Research rechnen mit 25,8 Mrd. Euro. Auf den weiteren Plätzen folgen Großbritannien (24,3 Mrd. Euro), Frankreich (16,6 Mrd. Euro), Italien (6,5 Mrd. Euro), Spanien (4,6 Mrd. Euro), Niederlande (4,5 Mrd. Euro), Schweden (2,9 Mrd. Euro), Belgien (2,1 Mrd. Euro), Schweiz (2 Mrd. Euro) und Dänemark mit prognostizierten 1,7 Mrd. Euro.
Ein genauerer Blick auf den deutschen Markt belegt diesen positiven Trend: Von Stagnation kann keine Rede sein. Die Internet-Nutzung, deren Anstieg 2002 abzuflachen schien, hat auch 2003 laut den Ergebnissen der ACTA 2003 (Allensbacher Computer- und Technik-Analyse wieder stark zugenommen. Wuchs der Nutzerkreis zwischen 2001 und 2002 lediglich von 40 auf 46 Prozent, so sind mittlerweile knapp 56 Prozent der 14- bis 64jährigen Bevölkerung online.
Und langsam nimmt auch das Bewusstsein für den Wert der via Internet gebotenen Informationsleistung zu. Die Bereitschaft, für interessante Informationen zu zahlen, wächst, allerdings nicht durchgängig, sondern selektiv in einzelnen Bereichen. Am größten ist die Bereitschaft, für Reiseinformationen, Warentests, Dienste, die besonders günstige Warenangebote ermitteln, und Informationen über Medikamente zu zahlen. Relativ gering ist dagegen die Zahlungsbereitschaft für Finanzinformationen.
Die Bestellungen und Käufe im Internet nehmen mit wenigen Ausnahmen ebenfalls rasch zu. Besonders eindrucksvoll ist der steile Anstieg der Teilnahme an Online-Auktionen, die sich in den letzten zwölf Monaten verdreifacht hat. Aber auch auf anderen Feldern gewinnt das Internet als Vertriebsquelle rasch an Bedeutung; dies gilt insbesondere für die Unterhaltungselektronik, Einrichtungsgegenstände, Medikamente, Haushaltswaren, den Reise- und Mietwagenmarkt. So ist die Zahl der Nutzer, die Medikamente über das Netz ordern, gemessen am Niveau von 2002 um 67 Prozent gestiegen und die Zahl derjenigen, die Produkte aus dem Bereich Unterhaltungselektronik via Internet bestellen, um gut 70 Prozent.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der Bundesverband des deutschen Versandhandels für das Jahr 2003 mit einer Steigerung der eCommerce-Umsätze auf 3,6 Milliarden Euro rechnet – ohne digitale Dienste und Reisebuchungen wohlgemerkt. Gegenüber den in 2000 erzielten Umsätzen hat sich gemäß dieser Analyse das Ergebnis mehr als verdreifacht. Und auch im Vergleich mit 2002 schneiden die vergangenen zwölf Monate sehr gut ab: Die erreichten 2,7 Milliarden Euro sollen um 34 Prozent übertroffen werden.
Leichte Verwirrung stiften wie üblich die abweichenden Zahlen des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels (HDE), der das 2003 erwirtschaftete eCommerce-Ergebnis auf elf Milliarden Euro schätzt. Allerdings lässt sich diese Differenz einfach erklären: Nach Einschätzung des HDE hat sich der Online-Handel längst zu mehr entwickelt als dem Fernabsatz von klassischen Einzelhandelswaren. Beim Einkauf im Internet werden Branchengrenzen von den Kunden wie selbstverständlich übersprungen, so Olaf Roik vom HDE. Das Buch und die Digitalkamera stehen gleich neben Reisen, Eintrittskarten oder kostenpflichtigen Software-Downloads im unbegrenzten virtuellen Einkaufsregal. Der HDE betrachtet in seiner Prognose für den B2C-eCommerce daher alle Transaktionen über wirtschaftliche Güter. Dazu zählen sowohl Sachgüter, als auch Dienstleistungen, Nutzungsrechte und Informationen. Diese weite Definition soll der Tatsache Rechnung tragen, dass sich der Einzelhandel zunehmend zu einem umfassenden Dienstleister und Anbieter von komplexen Lösungen für seine Kunden entwickelt. Für 2004 prognostiziert der HDE Online-Shopping-Umsätze in Höhe von 13 Milliarden Euro – gegenüber 2003 sollen also etwa 18 Prozent zugelegt werden.