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Auf dem Weg in neue technologische Welten

Beispiel und Fazit

20.01.2005 | Artikel drucken | Artikel empfehlen

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1 Auf dem Weg in neue technologische Welten
2 Anwendungswissen und MDA
3 Beispiel und Fazit

Fokus Anwendungswissen

MDA hat einen ganz erheblichen Vorteil: Die anwendungserfahrenen Entwickler können ihr Wissen unmittelbar nutzen und in fachliche Modelle umsetzen. Sie werden mehr als je zuvor in die Lage versetzt, ihr Anwendungswissen zum Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses zu machen. Sie werden von technischem Standardkram weitgehend entlastet. Damit kann MDA den Umstieg auf eine neue technische Plattform erleichtern, denn die Spezifika der Plattform bleiben den Entwicklern verborgen.

Etwas euphorisch könnte man sagen, dass MDA damit tatsächlich ein Schritt auf dem Weg zu wirklich anwendungsorientierter Softwareentwicklung ist. Zu einer Softwareentwicklung also, bei der Anforderungen und Anwendungswissen im Mittelpunkt stehen, bei der Änderungen an der technischen Infrastruktur keine projektbestimmende Rolle spielen und bei der Architekturdiskussionen, die allzu oft ideologische Formen annehmen, eingehegt werden. Mit anderen Worten: zu einer Anwendungsentwicklung bei der der Anwender konsequent im Mittelpunkt steht.

Was bedeutet diese Einschätzung der MDA für ein Unternehmen, das einen technologischen Umstieg erwägt? Zur Beantwortung dieser Frage sollen eine Reihe alternativer Vorgehensweisen etwas detaillierter betrachtet werden:

1. Kein Umstieg: Kein Umstieg in eine neue technologische Welt ist vordergründig sicherlich die günstigste Lösung. Es entstehen keine Kosten für Qualifizierungsmaßnahmen, für neue Infrastruktur, Softwareprozesse müssen nicht verändert werden. Allerdings lässt diese Betrachtung unberücksichtigt, wie teuer die aktuelle, technologische Situation ist und wie schnell sie noch teurer wird. Auch wenn Infrastruktur- und Softwareprozess-Umgebungen, die über Jahre gewachsen sind, in aller Regel eine erhebliche Reife erreicht haben, müssen in solch gewachsenen Situationen Dinge getan werden, Infrastrukturabhängigkeiten berücksichtigt und Wartungsaufwände akzeptiert werden, die in neuen technologischen Welten geringer sind. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass die erforderlichen technologischen Skills immer schwieriger zu beschaffen sind.

2. Traditioneller Umstieg - alle lernen neu: Der traditionelle Umstieg hat in den letzten Jahren in der deutschen Versicherungswirtschaft nach Ansicht und Kenntnisstand des Autors nicht funktioniert! Zwar wurden in vielen Häusern erfolgreiche Pilotprojekte durchgeführt. Dies hat zu substanziellem Aufbau von Technikwissen bei einzelnen Experten geführt. Das Problem des breiten Umstiegs wurde jedoch nicht gemeistert. Einerseits liegt das daran, dass die zu wartenden Systeme fast die gesamte Kapazität erfordern und der Mut / die Möglichkeit zu einem Einfrieren der existierenden Systeme angesichts der unglaublich langen Zeiträume für Neuentwicklungen kaum aufgebracht werden kann / kaum realisiert werden kann. Andererseits liegt das auch daran, dass der breite Umstieg inklusive Technikqualifizierung für alle Entwickler zu Kosten und Projektlaufzeiten führen, die wirtschaftlich nicht vertretbar sind, sodass die Alternative "Kein Umstieg" dann doch die günstigere ist.

3. MDA-basierter Umstieg: Dieser Ansatz wurde im weiter unten beschriebenen Projekt gewählt. Dieses Projekt gehört sicherlich zu den größeren Entwicklungsprojekten der letzten Jahre (Volumen: 55 Mio. €) Der Ansatz des MDA-basierten Umstiegs sieht so aus, dass eine kleine Gruppe von Architekturexperten die technische Architektur festgelegen und einen anwendungsorientierten Entwicklungsprozess definieren. Die Anwendungsentwickler müssen sich mit den Details der neuen Plattform nicht auseinandersetzen, sondern im engen Dialog mit den zukünftigen Anwendern die fachlichen Modelle erstellen. Hierdurch kommt es zu insgesamt erheblich verkürzten Projektlaufzeiten, zu kontinuierlich abstimmbaren Prototypen und insgesamt zu einer Konzentration auf das Wesentliche: die Anwendung!

Fokus Anwendungswissen im Projekt iskv_21C

Im Projekt iskv_21C der ISKV (Informationssysteme in der gesetzlichen Krankenversicherung GmbH) wurde ein Anwendungssystem entwickelt, das alle Geschäftsprozesse einer gesetzlichen Krankenversicherung unterstützt. Dies geschah im Auftrag von ca. 280 Betriebs- und Innungskrankenkassen. Die ISKV war zuvor für Entwicklung und Wartung einer funktional sehr ähnlichen, Großrechner-basierten Anwendung zuständig. Die neue Anwendung mit dem Namen iskv_21C ist J2EE-basiert.

Die ISKV verfügte zu Projektbeginn über ausreichendes Anwendungswissen, nicht aber über Erfahrungen mit der J2EE-Plattform. Eine wichtige, nicht-funktionale Anforderung ist die schnelle Änderbarkeit der Software, da der Gesetzgeber Änderungen an der Fachlichkeit sehr kurzfristig beschließen kann. Zudem bestehen bei den einzelnen Krankenkassen große Unterschiede in der Ausgestaltung der Geschäftsprozesse. Denn obwohl die in den Sozialgesetzbüchern beschriebenen fachlichen Anforderungen prinzipiell gleich sind, sorgt doch alleine schon die variable Größe der Krankenkassen für erhebliche Abweichungen im Detail. Nicht zuletzt aus dem Software-Investitionsvolumen in Höhe von ca. 55 Millionen Euro (Projekte, die auf die Bereitstellung der gleichen Funktionalität abzielen, kalkulieren mit einem Budget, das in etwa das Zehnfache des 21c-Volumens ausmacht!) ergibt sich, dass die Software über einen langen Zeitraum einsetzbar bleiben muss.

Der MDA-basierte Umstieg bei der ISKV hat zu einer klassischen J2EE-Architektur geführt. Klassisch, handwerklich sauber und einfach. Für diesen Teil war ein vergleichsweise kleines, homogenes und J2EE-erfahrenes Team zuständig. Die letztlich generierte Anwendung sieht so aus als wäre sie von erfahrenen J2EE-Entwicklern traditionell - also ohne Einsatz von MDA - entwickelt worden. Die Services, die im J2EE-Kontext zur Verfügung stehen, wurden umfänglich genutzt. Die zahlreichen, Großrechner-erfahrenen Anwendungsentwickler blieben von den technischen Details und Problemen verschont und taten einfach das, was Anwendungsentwickler tun sollen: Anwendungen entwickeln! Und das in einer Art und Weise, die - ganz im Sinne von MDA - fachliche Modelle in den Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses stellt und damit die knappe Ressource - das Anwendungswissen - nahezu verlustfrei in eine neue technologische Welt rettet. Die Vorteile der neuen Plattform konnten damit von Anfang genutzt werden (mächtige Infrastruktur-Services, einfache Anpassung von Oberflächen, etc.), ohne dass Umqualifizierungen nötig gewesen wären. Das gesamte Projekt 21c war deshalb von fachlichen Fragestellungen und Debatten geprägt.

Die typischen Anfangsprobleme nach dem Umstieg auf eine neue Plattform (mangelhafte Performanz, schlechte Skalierung, teure - weil grundlegende Refactorings, von der Funktionalität unangenehm überraschte Anwender) konnten vermieden werden, respektive traten in dem Umfang auf, der auch beim Einsatz einer gewohnten Plattform unvermeidlich scheint.

Fazit: Anwendungswissen retten und neue Technologien erschließen

Wie so oft liegt auch beim Einsatz von MDA der Nutzen neuer Technologien gar nicht im primär technologischen Bereich, sondern darin, dass Wissen produktiv einsetzbar wird. MDA zielt durch diesen Effekt auf eines der großen Ziele des Software Engineering ab: Anwendungen zu bauen, die Anwender sinnvoll unterstützen. Und dies in planbarer, mit den Anwendern eng abgestimmter Art und Weise. Im Projekt iskv_21c konnte auf der Grundlage eines pragmatischen MDA-Ansatzes eine große Anwendung auf einer neuen Plattform (J2EE) von einer Anwendungsentwicklungsmannschaft entwickelt werden, die sich mit dieser Plattform recht wenig auskannte.

Zu all dem haben sicherlich eine ganze Reihe von Faktoren und Umständen beigetragen und nicht nur der MDA-basierte Entwicklungsansatz. Für eines ist dieser Ansatz aber verantwortlich: Trotz des Technologiewechsels konnte das Anwendungswissen gerettet und produktiv ein- und umgesetzt werden.

Bei Fragen zu diesem Thema wenden Sie sich bitte an:
Volker Gruhn, Aufsichtsrat adesso AG und Lehrstuhl für Angewandte Telematik/ eBusiness Universität Leipzig

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Inhalt:
Auf dem Weg in neue technologische Welten  Teil 1 Auf dem Weg in neue technologische Welten
Anwendungswissen und MDA Teil 2 Anwendungswissen und MDA
ECIN Solutions - Software & Entwicklung Teil 3 Beispiel und Fazit

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